Wie Claims, Qualität und KI zusammenspielen
Von Thorsten Claus-Martiny, Director bei DHC Business Solutions.
In meinem letzten Beitrag ging es um Naturkosmetik: hohe Standards sind vorhanden, doch ihre Nachweisbarkeit wird unter regulatorischem und wirtschaftlichem Druck anspruchsvoller. Bei Nahrungsergänzungsmitteln zeigt sich ein verwandtes Muster – mit einer eigenen Zuspitzung. Denn hier geht es nicht nur um Qualität und Verantwortung, sondern auch um Aussagen zu Gesundheit, Wohlbefinden und Wirkung. Viele Produkte basieren auf hochwertigen Rohstoffen, anspruchsvollen Rezepturen und wissenschaftlicher Substanz. Genau daraus entsteht Vertrauen. Gleichzeitig bewegen sich Anbieter in einem sensiblen Umfeld: rechtlich als Lebensmittel, kommunikativ aber oft nah an Arzneimitteln, gesundheitlichem Nutzen und konkreten Erwartungen.
Damit lautet die zentrale Frage nicht nur: Ist das Produkt gut? Sondern auch: Sind Qualität, Claims, Nachweise und Abläufe so organisiert, dass sie dem Sortimentswachstum, den Marktanforderungen und Prüfungen standhalten?
Ein Markt mit hoher Verantwortung
Es wäre falsch, der Branche mangelnde Professionalität zu unterstellen. Viele etablierte Unternehmen haben über Jahre robuste Standards aufgebaut: in Rohstoffauswahl, Analytik, Spezifikationen, Lieferantenqualifizierung, Herstellung, Kennzeichnung, Stabilität und Produktsicherheit. Dazu zählen klassische Pharma- und Gesundheitsunternehmen ebenso wie spezialisierte Anbieter im Bereich Mineralstoffe, Mikronährstoffe, pflanzliche Präparate oder hochwertige Supplement-Konzepte.
Ein öffentliches Beispiel aus dem DHC-Kundenumfeld ist Verla-Pharm. Das traditionsreiche mittelständische Unternehmen verfügt über ausgeprägte Kompetenz im Mineralstoffbereich; hochwertige Nahrungsergänzungsmittel ergänzen das Sortiment. Für die Weiterentwicklung regulatorischer Qualitätsprozesse setzt Verla-Pharm auf eine eQMS-Lösung der DHC Business Solutions. Solche Beispiele zeigen: Gerade Unternehmen mit gewachsener Qualitätskultur erkennen früh, dass Erfahrung, Routinen und persönliche Abstimmung allein irgendwann nicht mehr tragen. Wenn Produktzahl, Märkte und Nachweispflichten zunehmen, braucht Qualität eine verlässliche organisatorische Grundlage.
Zwischen Lebensmittelrecht und Wirkungsversprechen
Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich Lebensmittel. Sie werden in Deutschland nicht wie Arzneimittel zugelassen, sondern vor dem ersten Inverkehrbringen angezeigt. Diese Anzeige ist keine behördliche Zulassung und ersetzt keine umfassende Verantwortung des Herstellers. Gleichzeitig werden Nahrungsergänzungsmittel aber häufig als Produkte wahrgenommen, die Gesundheit unterstützen, Defizite ausgleichen oder zum Wohlbefinden beitragen sollen. Genau daraus entsteht die besondere Spannung: Je näher die Kommunikation an Wirkung rückt, desto stärker müssen Claims, Grundlagen, Freigaben und Informationen zusammenpassen. Health Claims dürfen nicht frei formuliert werden. Sie müssen fachlich und rechtlich tragfähig sein. Claim-Management wird damit zur Verbindungslinie zwischen Produktentwicklung, Regulatory Affairs, Qualität und Marketing.
Der Engpass entsteht an den Schnittstellen
Die Anforderungen verdichten sich entlang des gesamten Produktlebenszyklus: vom Rohstoff und der Rezeptur über den Lieferanten, das Etikett, den Claim und die Marktfreigabe bis zur Reklamation, der Abweichung, der CAPA und dem Audit. Ein Rohstoff braucht Spezifikationen. Ein Lieferant braucht Qualifizierung. Eine Rezeptur braucht Freigabe. Ein Etikett braucht Prüfung. Ein Claim braucht fachliche und rechtliche Bewertung. Eine Chargenabweichung braucht Dokumentation. Eine Reklamation braucht Bearbeitung mit klarer Verantwortlichkeit.
Jeder dieser Punkte ist beherrschbar. Schwieriger wird es, wenn die Informationen in Abteilungen, Dateien, E-Mails und persönlichen Abstimmungen verteilt sind. Dann liegt die fachliche Arbeit oft vor, aber sie ist im entscheidenden Moment schwer auffindbar, schwer zu belegen oder nicht sauber miteinander verbunden.
Wenn Wachstum informelle Abläufe überholt
Viele Anbieter wachsen über Apotheken, Drogerien, Fachhandel, Direct-to-Consumer-Modelle, digitale Kanäle, Influencer-Kommunikation oder internationale Plattformen. Das schafft Reichweite und Geschwindigkeit, erhöht aber den Druck auf Freigaben und Dokumentation. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen verfügen nicht immer über große Teams für QM, Qualitätssicherung, Regulatory Affairs, Lebensmittelrecht oder Compliance. Viel Wissen steckt in erfahrenen Personen, Tabellen, Ordnerstrukturen und informellen Abstimmungen zwischen Produktentwicklung, Einkauf, Marketing und Qualität.
Das ist nicht unprofessionell. Es ist typisch für gewachsene Organisationen. Kritisch wird es, wenn Sortimente wachsen, neue Länder hinzukommen, Rohstoffe oder Lieferanten wechseln, neue Claims genutzt werden oder Handelspartner detailliertere Nachweise verlangen. Dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob Qualität ernst genommen wird. Die Frage ist, ob sie mit dem nächsten Entwicklungsschritt noch belastbar, auffindbar und prüfbar organisiert ist.
Markenentwicklung und Qualitätsversprechen gehören untrennbar zusammen. Wer den Nahrungsergänzungsmittelbereich für jüngere, gesundheitsbewusste Zielgruppen weiterentwickelt, muss neue Impulse setzen, ohne Markenkern, bestehendes Sortiment und treue Kundschaft aus dem Blick zu verlieren. Glaubwürdige Markenstärke entsteht dabei nicht allein durch Kommunikation. Sie zeigt sich auch in belastbaren Spezifikationen, nachvollziehbaren Nachweisen, verlässlichen Freigaben, der Lieferantenqualität und einem konsequenten Reklamationsmanagement. Mit jedem neuen Produkt und jedem Claim wächst deshalb auch die Verantwortung. Marketing schafft Aufmerksamkeit – dauerhaftes Vertrauen entsteht durch überzeugende Produkt- und Prozessqualität.
Premiumanspruch trifft auf Kostendruck
Auch Nahrungsergänzungsmittel bewegen sich nicht in einem Umfeld unbegrenzter Wachstumsspielräume. Viele Produkte sind bereits im Premiumsegment positioniert. Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen für Qualität, Reinheit, wissenschaftliche Substanz oder besondere Rohstoffe mehr. Gleichzeitig lassen sich Preise nicht beliebig erhöhen. Die Kosten steigen jedoch: für Rohstoffe, Analytik, Lieferantennachweise, regulatorische Prüfung, Etikettenmanagement, Nachhaltigkeitsanforderungen, Audits, Logistik, Zölle und interne Qualitätssicherung. Wenn jede neue Rezeptur, jede Etikettenänderung, jeder Claim und jede Lieferantenbewertung manuell durch die Organisation läuft, bindet das schnell viele Ressourcen.
Die Antwort kann daher nicht allein mehr Personal sein. Unternehmen brauchen klare Abläufe, verlässliche Daten und Systeme, die wiederkehrende Arbeit beschleunigen. So entsteht Freiraum für die Aufgaben, bei denen menschliche Erfahrung entscheidend bleibt: fachliche Bewertung, Priorisierung, Entscheidung und Verantwortung.
Digitalisierung ersetzt keine Verantwortung
Digitale Systeme schaffen keine Qualität aus dem Nichts. Sie ersetzen keine fachliche Bewertung, keine rechtliche Prüfung und keine unternehmerische Verantwortung. Aber sie können vorhandene Qualitäts- und Verantwortungskultur robuster machen. Ein digitales Qualitätsmanagementsystem unterstützt dabei, SOPs zu lenken, Schulungen nachvollziehbar zu dokumentieren, Änderungen kontrolliert umzusetzen, Abweichungen zu bewerten, CAPA-Maßnahmen zu verfolgen, Reklamationen zu bearbeiten und Auditinformationen verlässlich bereitzustellen.
Im Nahrungsergänzungsmittelbereich kommt die enge Verbindung von Qualität, Regulatory Affairs, Produktentwicklung und Marketing hinzu. Claims, Etiketten, Rohstoffdaten, Spezifikationen und Freigaben sollten nicht als Inseln gepflegt werden. Sie müssen aktuell, auffindbar und in ihrem Zusammenhang nachvollziehbar sein.
Wenn qualitäts- oder compliance-relevante Abläufe digital abgebildet werden, stellt sich zudem die Frage nach der Validierung. Nicht jeder Anbieter braucht dieselbe Validierungstiefe wie ein Pharmahersteller. Aber überall dort, wo kritische Prozesse durch Software unterstützt werden, muss klar sein, dass das System im jeweiligen Prozess zuverlässig das tut, was es tun soll.
KI-Assistenten: weniger Routine, mehr Zeit für Urteilskraft
Ein zusätzlicher Hebel entsteht durch integrierte KI Anwendungen. Die KI-Assistenten greifen nicht in Entscheidungen ein und ersetzen keine Verantwortung. Sie nehmen dort Arbeit aus dem Alltag, wo Mitarbeitende heute Zeit verlieren: beim Suchen, Vergleichen, Zusammenfassen, Vorbereiten und Prüfen von Informationen.
Praxisnah zeigt sich das anhand konkreter DHC VISION.AI-Assistenten: ChangeInsight.AI fasst die wesentlichen Unterschiede zwischen Dokumentversionen zusammen. Das hilft, wenn ein Änderungsvergleich viele Markierungen zeigt, der eigentliche Inhalt aber überschaubar ist. LearningSuccess.AI unterstützt Autoren bei der Erstellung von Testfragen, Antworten und Distraktoren aus freigegebenen Dokumentpassagen. NormInsight.AI kann Dokumententwürfe mit hinterlegten Normen oder Vorgaben abgleichen und mögliche Lücken früh sichtbar machen. Weitere Bausteine erweitern diesen Ansatz: KnowledgeFeed.AI stellt freigegebene, gültige Dokumente als kontrollierte Wissensbasis für unternehmensinterne KI-Anwendungen bereit. In Entwicklung befindliche Assistenten zielen auf konsistentere Freitexte und versionstreue Lerninhalte. Wichtig bleibt: KI bereitet vor, der Mensch gibt frei.
DHC VISION als digitale Grundlage
Genau hier setzt DHC VISION an: als Software für Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung in anspruchsvollen, regulierten Branchen wie Pharma, MedTech, Kosmetik und Nahrungsmittel. DHC VISION bildet qualitäts- und regulatorisch relevante Prozesse digital und validierbar ab – vom gelenkten Dokument über CAPA und Change Control bis zu Training, Auditvorbereitung und KI-gestützter Entlastung. Für Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln kann eine solche Lösung dazu beitragen, hohe Standards nachweisbar, auditfähig und tragfähig zu organisieren. Dabei geht es nicht um Digitalisierung um der Digitalisierung willen. Es geht darum, gewachsene Qualitätskultur so abzubilden, dass sie auch bei mehr Produkten, mehr Märkten und mehr Prüfanforderungen belastbar bleibt.
Was führende Anbieter zeigen
Wenn etablierte Unternehmen aus dem Gesundheits-, Pharma- oder Supplement-Umfeld ihre Qualitäts- und Dokumentationsprozesse digital weiterentwickeln, ist das kein Eingeständnis früherer Defizite. Es ist ein Zeichen von Reife. Ähnlich wie in der Naturkosmetik entsteht die Signalwirkung nicht allein durch Marktanteile, sondern durch Qualitätskultur. Anbieter mit pharmazeutischem oder gesundheitsnahem Hintergrund bringen gewachsene Standards mit und übertragen sie zunehmend auf angrenzende Produktbereiche wie Nahrungsergänzungsmittel, Mikronährstoffe oder natürliche Gesundheitsprodukte. Was sie im Bereich dokumentierter Qualität, Compliance, Claim-Management, Validierung und KI-gestützter Entlastung tun, ist deshalb auch für andere Anbieter interessant. Nicht als Belehrung. Sondern als Orientierung.
Fazit: Verantwortung entlasten, nicht ersetzen
Nahrungsergänzungsmittel müssen nicht grundsätzlich mehr Qualität lernen. Viele Anbieter haben Qualität, Verantwortung und hohe Standards längst tief verankert. Was sich verändert, ist der Kontext: mehr Regulierung, sensiblere Claims, höhere Nachweisdichte, steigende Kosten und begrenztere Preisspielräume.
Wer Wirkung, Gesundheit oder Wohlbefinden adressiert, muss Qualität, Claims und regulatorische Verantwortung verlässlich und belastbar nachweisbar machen – ohne die Organisation mit zusätzlicher Verwaltungsarbeit zu überlasten. Digitale Systeme und KI-Assistenten können dafür den Raum schaffen: Sie verkürzen Suche, Vergleich, Vorbereitung und Dokumentation; sie machen Informationen schneller nutzbar; und sie halten den Menschen dort im Zentrum, wo Urteilskraft gefragt ist.
